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Der Schock

 

von Kurt Blaser

Ich war damals 23 jährig und als Maler an einem Ort im schweizerischen unteren Emmental beschäftigt, als mir  gegen Mittag der Auftraggeber mitteilte, dass ich sofort heimgehen solle. Es sei etwas mit meinem Vater geschehen, sagte er kurz und schaute mich seltsam an.

   Ich stieg sofort auf meinen Roller und fuhr so schnell ich konnte heim zu. Wir, das heisst meine Familie und ich, wohnten damals in einem der vielen Seitentäler, die typisch sind für das obere Emmental.

   Ich stellte meinen Roller auf dem Schulhausplatz ab - da der letzte Teil zum Haus nur ein so genannter, recht steiler Karrweg war und man daher nicht mit dem Zweiradfahrzeug dorthin fahren konnte – lief ich, so schnell ich konnte, zum Haus hinauf. Aeusserlich stand das sehr alte Bauernhaus da, wie wenn nicht geschehen wäre. Aber unterhalb des Gebäudes stand ein Jeep, in dem jedoch niemand sass.

   Beim Hause angekommen, empfing mich in der Küche meine weinende Mutter und eine Nachbarin, die ebenfalls in Tränen aufgelöst war. Dabei stand auch der Polizeiinspektor der Gemeinde, dem offenbar der Jeep gehörte. Ich versuchte mir ein Bild zu machen, was überhaupt geschehen war. Die beiden Frauen war nicht in der Lage mir Auskunft zu geben. Der Polizeiinspektor sagte nur „dein Vater“ und zeigte mit der Hand zum Schlafzimmer.

 

 

Ich ging durch das Wohnzimmer dorthin und zog den Vorhang, der als Türe diente, zur Seite. Der Anblick der sich mir bot, war schockierend: Neben dem Bett der Eltern lag mein Vater mit zerschossenem Kopf am Boden. Der Karabiner (schweizerische Armeewaffe) lag mit einer leeren Weinflasche, daneben. Ueberall war Blut, an der Wand, auf dem Bett und am meisten am Boden. Ich hielt die Hand vor den Mund und lief schreiend in die Küche zurück. Nach einiger Zeit, als ich wieder zur Besinnung gekommen war, nahm ich meine noch immer weinende Mutter in die Arme und suchte sie zu beruhigen.

   Die Stimme des Polizeiinspektors brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück:

„Ich werde eine Equipe mit einem Metallsarg bestellen, die die Leiche abholen und in die Abdankungshalle bringen“, sagte der Mann schon wieder ganz geschäftsmässig. „Das Polizeiliche habe ich aufgenommen. Aber es ist ja klar, was da geschehen ist. Ich glaube weitere Abklärungen sind nicht mehr notwendig.“ Damit wünschte er viel Kraft und alles Gute und verschwand und man hörte den Jeep wegfahren.

   Mein Vater hatte schon lange Alkoholprobleme und deswegen eine gute Arbeitsstelle verloren. Wir wussten alle, dass er in einer grossen Krise war und die Sucht nicht in den Griff bekam. Trotzdem war dieses Ende ein Schock für die ganze Familie - auch den noch zwei schulpflichtigen Brüdern, die am Mittag von der Schule kamen, musste es von mir und dem inzwischen auch eingetroffenen weiteren älteren Bruder - beigebracht werden.

   Bei mir bewirkte der Schock  erst ein paar Tage später einen körperlichen Zusammenbruch, der mich für zwei Wochen schwer krank ins Bett warf.     

 

© Kurt Blaser

Lesen Sie das Buch, in welchem Kurt Blaser seine Erfahrungen verarbeitet hat:

Das Leben und Sterben des H. M von Kurt Blaser

 

"Wie ich mir selbst das Leben gerettet habe"  lautet der Titel eines Berichtes von Anonymus, der aus eigener Kraft einen Weg aus einer schweren Lebenskrise gefunden hat.
Lesen Sie auch den berührenden Erfahrungsbericht von Jürgen Kammerl "Der Krieg in meinem Kopf", in welchem er davon erzählt, wie er nach dem Schlaganfall ins Leben zurückfand.

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